Otto Gotthilf Groß – Lehrer und Dichter aus Lehenweiler

Otto Gotthilf Groß (1914-1987), der Verfasser des Gedichts „Zirenka“ und noch vielen anderen schwäbischen Gedichte, ist 1914 in Lehenweiler geboren und wäre im Januar 100 Jahre alte geworden. Er war Lehenweiler und dem Heckengäu sein ganzes Leben besonders verbunden. Seine Heimatliebe hat er in seinen zahlreichen Mundartgedichten und in Prosa geschriebenen Erinnerungen zum Ausdruck gebracht. Sie sind in verschiedenen Büchern und Zeitschriften publiziert worden. Die „Heckabaeerla“ (1970) und „Spot em Johr“ (1988) sind seine bekanntesten Werke. Mancher seiner verzaubernden Verse haben Sie vielleicht schon bei den Mundartlesungen von Dieter Geiger in der Lehenweiler „Alten Schule“ vernommen.

Otto Gotthilf Groß stammt aus einer Lehenweiler Bauernfamilie. Sein Vater Karl Groß fiel im Mai 1915 im Ersten Weltkrieg – der älteste seiner vier kleinen Söhne war noch keine sechs Jahre und Otto Gotthilf, der Jüngste, ein reichliches Jahr alt. Nach wenigen Jahren starb auch die Mutter. Otto Gotthilf Groß war, wie seine Frau erzählte, sein ganzes Leben dankbar, dass die drei noch ledigen Schwestern des Vaters sich entschlossen, die Elternstelle zu übernehmen und die vier Kinder aufzuziehen. So habe er trotz allem eine glückliche Kindheit in Lehenweiler erlebt.

Abstammungslinie von Otto Gotthilf Gross

Abstammungslinie von Otto Gotthilf Gross

 

Es sei ihm von Jugend an ein Bedürfnis gewesen, sein Herz und seine Erlebnisse in Gedichte einzubringen. Die Liebe zur Natur sei schon in den allerersten Lebensjahren angeregt worden. Weitere Förderung erfuhr Otto Gotthilf Groß wie auch sein Schulkamerad Karl Hess, später Landrat in Böblingen, durch Lehrer Walter, der fast blind war und den Unterricht in der einklassigen Lehenweiler Schule mit Hilfe seiner Ehefrau bewältigte. Otto Gotthilf Groß wurde ein begeisteter Lehrer und nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft in Dettenhausen eingesetzt, zuletzt war er dort Rektor. In Dettenhausen leben bis heute seine Frau und sein Sohn, in Lehenweiler seine Tochter. Für Otto Gotthilf Groß hat sein Werdegang verschiedene Geschmäcker:

Gedicht von Otto Gotthilf Groß

Gedicht von Otto Gotthilf Groß

Otto Gotthilf Groß (1914 – 1987)

Geheime Gäng

Es ischt a wonderlech-helenges Deng:
Durchs Heckagäu laufet geheime Gäng!
Isch a uralts Märle? A Gschwätz vo de Alta?
Nia hot me’s ganz laosglao, hao’s vo Ken(d) uf bhalta:

Vo dr “Gechenger Burg” hear, durch Bückel on Häng,
ällbott verfalla, oft nieder on eng
gang’s uff Deufrenga ra, uff Aidlengen rom
on zom Dätzenger Schloß bis uff Aoschloza* nom,

’s gang uff d’ „Hodlaburg“*, on vo Oart zu Oart
onderem Boda! On drüber wurd g’ackeret, g’schoart
on g’sät on g’erntet, wäst Fruucht on Gras
on Wacholder on Schlaeha on woas et was.

Sei’s wohr oder et – ‘s ischt a wonderlechs Deng!
Ao i be verbonna: Wia mit Fäda on Sträng
über Zeahta on Zeita o’sichtbar g’weabt
Hangt mei Hearz a deam Heckagäu, schlächt on leabt

on lockt me on treibt me, on Bruscht wurd mr z’eng:
Schier en äll deane Heckagäu-Flecka a weng
rauscht Bluet vo meim Bluet, schlächt Hearz vo meim Hearz,
drom zuigt’s me mei Leabatag hoametwearts!

* „Aoschloza“ = alt mundartlich für Ostelsheim
* „Hodlaburg“ = Reste der Ruine “Edelburg”

 

Von den meist in Mundart verfassten Gedichten von Otto Gotthilf Groß (1914 – 1987) aus Lehenweiler haben wir schon eine ganze Reihe, so eines auch im letzten Blättle, vorgestellt. Sie weisen ihn als einfühlsamen Menschen aus, der von der Liebe zur Natur und zu seiner Heimat geprägt war. Durch einige von der Familie zur Verfügung gestellte Dokumente erfahren wir noch einiges mehr über ihn.

Ein Foto von 1921 zeigt ihn als Erstklässler mit den Brüdern Walter, Adolf und Hermann (v. lks. n. re.). Der kleine Otto steht, wie der Platz im Sessel und der feine helle Anzug zeigen, eindeutig im Mittelpunkt, und das Buch auf den Knien belegt den neuen Status. Der Gang zum Fotografen war damals etwas ganz Besonderes, teuer und speziellen Anlässen vorbehalten, eigene Fotoapparate hatten nur wenige. Als das Foto entstand, hatten die Buben bereits beide Eltern verloren. Der Vater Karl war 1915 gefallen, die Mutter wenige Jahre danach gestorben. Die Söhne wuchsen unter der Obhut der Schwestern des Vaters auf dem Hof der Familie in Lehenweiler auf.

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Jüngst sind einige alte Schulhefte des kleinen Otto aus seiner Lehenweiler Schulzeit in den 20er Jahren aufgetaucht. Hier wartet er in seinen Aufsätzen bereits mit seiner literarischen Begabung auf. Die Tanten hatten viel aus ihren Büchern vorgelesen und das Ihrige dazu beigetragen. Gleichzeitig sind diese Aufsätze ein Beispiel dafür, dass die Aussagen von Kindern oft wichtige Zeitzeugenberichte sind. Sie beleuchten eine bestimmte Zeit aus der Sicht der Kinder mit ihrer eigenen Erlebniswelt. Sogar über Träume geben sie manchmal Aufschluss.

Träume eines Elfjährigen im Jahr 1925

Wenn ich das große Los gewinne

Gegenwärtig stehe ich in einer gespannten Zeit; ich habe nämlich 2 Lose gezogen, von welchen eins unfehlbar gewinnt. Und da hoffe ich immer auf den Hauptgewinn, das ist ein Auto. Hui! wenn ich das gewinnen würde, dann würde mir das Herz im Leib lachen, und ich wäre ein rechter Glücksvogel. Da würde mir dann alles zujubeln, wenn ich so glücklich lächelnd in den neuen Wagen einsteigen würde. Hurra! und jetzt geht’s los. Der Motor brummt und stäubend rast die gewonnene Wunderkutsche davon. Heute muss sie einmal das ganze Württemberger Ländchen durchsausen und ihre Kunst zeigen. Aber dies ist alles nur ein Phantasiebild meines vielplanenden Kopfes, denn es hat sich schon aufgeklärt, dass ich nur einen 75 Pfennig-Preis bekomme.

Geschrieben vom Lehenweiler Schüler Otto Gotthilf Groß,

Schulaufsatz vom 29. 7. 1925, Note „s.gt.“

Freudiges Erlebnis mit Zehn –

eine Eisenbahnfahrt

Ich freute mich schon lange darauf, wieder einmal mit der blitzschnellen Eisenbahn zu fahren, welche uns in 1 ½ Stunden nach Stuttgart führt. Darum war meine Freude groß, als ich und meine Tante morgens um ¾ 7 Uhr auf den Bahnhof nach Schafhausen gingen. Gerade als wir das Billet gelöst hatten, brauste der Zug heran. Wir stiegen ein u. nach einem grellen Pfiff fuhr er ab. Ich stand am Fenster u. schaute in die morgenfrische, blühende Natur hinaus. Bäume, Hecken und Sträucher flogen an mir vorbei. Von Station zu Station ging’s. Viele Berge und Wälder sah ich. Auf einmal pfiff es aber diesmal ganz schrill, denn es wurde finster u. des Zuges Stoßen u. Zischen vernahm man sehr deutlich. Minuten musste man harren, da entblößte sich der finstere Schleier und es wurde wieder hell. Als ich zurückschaute, erblickte ich das Tunnel. Jetzt waren wir bald in Stuttgart. Dort stiegen wir im Hauptbahnhof aus, und ich schaute das prächtige Gebäude an.

Text von: Siegrid Krülle

Tafeln von: Andreas Wolf