Molkereigenossenschaft Aidlingen

Ausgangs des vorletzten Jahrhunderts entstanden Land auf Land ab viele Genossenschaften in Württemberg. Nach dem Motto: Selbsthilfe durch Zusammenschluß, boten diese vorallem im ländlichen Bereich den Menschen einen Weg aus der Mangelwirtschaft. Es entstanden nicht nur Spar- und Darlehensgenossenschaften, wie in Aidlingen, sondern auch Milch- oder Molkereigenossenschaften. Die Molkereigenossenschaft wurde in Aidlingen im Januar 1893 von 54 Mitgliedern gegründet mit dem Ziel, Milch gemeinschaftlich zu sammeln und zu verwerten. So wurden Milch-Lieferungen in die Stadt Stuttgart organisiert oder die Milch wurde verbuttert und verkauft. Der offizielle Geschäftsbeginn war der 23.5.1893. Anfangs wurde die Genossenschaft ohne Eintragung in das Genossenschaftsregister geführt. Dieses wurde in den 1920ger nachgeholt, weil die Genossenschaft Steuern an den Staat abliefern sollte. Am 15.1.1906 wurde durch die Mitgliederversammlung der Genossenschaft eine Viehversicherungsgenossenschaft beschlossen. Diese sollte eine eigene Genossenschaft darstellen und durch den Vorstand der Molkerei mitverwaltet werden. Die meisten Molkereigenossen wurden auch Mitglieder der Viehversicherungsgenossenschaft. Der Mitgliedsbeitrag errechnete sich durch die Viehanzahl der Mitglieder und wurde vom Milchgeld abgezogen. Mußte eine Kuh wegen Krankheit notgeschlachtet werden, erhielt der Geschädigte eine festgelegte Entschädigung.

In der Aidlinger Bachgasse wurde neben dem Waschhaus ein Gebäude gekauft und zum Molkerei-Gebäude eingerichtet. Hier konnten die Bürger zu festen Zeiten ihre gewonnene Milch abliefern. Die Milch wurde vom sogenannten „Molker“ in großen Kannen gesammelt und für den Transport in die Stadt vorbereitet. War ein Absatz in die Stadt nicht möglich, so wurde mit einer Zentrifuge die Milch zu Butter verarbeitet. Die Butter wurde dann hauptsächlich an die Aidlinger Bürger weiterverkauft.  Die restliche Magermilch fand ebenfalls Absatz an Schweinezüchter. 1932 wurde das nebenstehende Waschhaus von der Gemeinde dazugekauft und in das bestehende Molkereigebäude angegliedert.

Molkerei6

In Lehenweiler wurde in den 1930ger Jahren das kleine Häuschen unweit des Lehenweiler Backhauses zum „Milchhäusle“ eingerichtet. Hier konnten die Lehenweiler Bürger ihre Milch anliefern. Diese wurde von hier aus regelmäßig nach Aidlingen gebracht. Im „Milchhäusle“ wurde 1963 ? eine kleine Filiale der Aidlinger Bank eingerichtet. Heute befindet sich das Häusle im Privatbesitz.

Das Laimer Milchhäusle

Das Laimer Milchhäusle

Am 23.1.1934 erfolgte die Gleichschaltung der Molkerei-Genossenschaft mit Neuwahlen des gesamten Vorstandes. Somit wurde durch die neue Staatspartei sichergestellt, daß in jedem wichtigen Gremium ein Parteimitglied saß. Durch die ganze Kriegszeit hindurch wurde die Genossenschaft aufrecht erhalten und Milch angenommen.  Nach dem Krieg wurde die Molkerei-Genossenschaft eine wichtige Einrichtung zur Nahrungsgrundversorgung.

Vorstände der Molkerei-Genossenschaft Aidlingen:

  1. 1893 – 1907 Georg Bäßler

  2. 1907 – 1919 Ernst Benz

  3. 1919 – 1935 Heinrich Hornung

  4. 1935 – 1949 Heinrich Stürner

  5. 1949 – 1963 Ernst Benz

  6. 1963 – 1974 Gotthilf Breitmaier

Rechner der Molkerei-Genossenschaft Aidlingen:

  1. 1893 – 1901 Kaufmann Rieger

  2. 1901 – 1937 Imanuel Ehni

  3. 1937 – 1955 Gottlob Kollmer

  4. 1955 – 1964 Friedrich Roller

  5. 1964 – 1974 durch die Aidlinger Bank

Molker der Molkerei-Genossenschaft Aidlingen:

1893 – 1902 Jakob Reinhardt; 1902 – 1910 Wilhelm Gampper und Gotthilf Zweigart; 1910 – 1939 Friedrich Theurer; 1910 – 1919 Friedrich Eisenhardt; 1919 – 1942 Friedrich Bauer; 1039 – 1940 Friedrich Breitmaier; 1940 – 1970 Heinrich Stürner; 1942 – 1944 Maria Wiedmaier; 1944 – 1949 Gerda Wagner; 1944 – 1949 Pauline Zweigart; 1949 – ? Hilde Zetzmann; ? – 1969 Hilde Jocher; 1960 – 1966 Lina Benz; 1966 – 1968 Elfriede Beicht; 1968 – 1969 Frau Dittus; 1969 – 1970 Frau Kölle

Der Vorstand von 1970

Der Vorstand von 1970

Ab ca. den 1960ger wurden durch das bessere Einkommen der nahegelegenen Industrie die kleinen landwirtschaftlichen Betriebe und die Viehwirtschaft nach und nach aufgegeben. Die Menge der Milchlieferungen wurden stetig weniger, bis zum 1.11.1970 die Stillegung der Milchannahme beschlossen wurde. Das Molkereigebäude wurde vermietet, bis es 1974 von der Gemeinde Aidlingen gekauft wurde. Die entgültige Auflösung wurde zum 14.2.1974 beschlossen. Anschließend wurde die Liquidation vorgenommen. Der Viehversicherungsverein wurde noch einige Jahre weitergeführt und durch die Raiffeisenbank Aidlingen verwaltet.

Auch in den Teilorten Deufringen und Dachtel entstanden Molkerei-Genossenschaften deren Geschichten sich analog der Aidlinger Genossenschaft verhielt. In Deufringen war die „Molke“ in einem Hintergebäude der einstigen Wirtschaft „Zur Taube“ an der alten Steige untergebracht.

 

Text und Bilder von Andreas Wolf