Historische Bewässerungsgräben in Aidlingen

Einleitung

Nur etwa 60-70 Jahre ist es her, dass allerorten in Baden-Württemberg Wiesen bewässert wurden. Die jahrhundertealte Tradition fand infolge großer Veränderungen in der landwirtschaftlichten Produktion, insbesondere durch den verstärkten Einsatz von organischem und mineralischem Dünger, sowie als Folge umfangreicher Trockenlegungsmaßnahmen ihr Ende, und das Wissen darüber droht mit den letzten Zeitzeugen zu verschwinden.

In einer Zeit, als weder Stalldüngung noch gar Kunstdünger zur Verfügung standen, waren es diese bewässerten Wiesen, die unseren Tälern die Ernährungslage der Bevölkerung erstmals entscheident verbesserten. Das mit Sedimenten und Abwässern angereicherte Wasser brachte die dringend benötigten Nährstoffe mit. Ausgeklügelte Kanal-Systeme verteilten das immer knappe Wasser und sorgten dafür, dass auch der letzte nutzbare Tropfen Verwendung fand, bevor er wieder in die Würm oder ins Grundwasser gelangte.

Mit dem Einstellen der Wiesenbewässerung resultierten tiefgreifende ökologische Veränderungen. Der Storch verschwand und mit ihm zahlreiche spezialisierte Vogel-, Amphiebien- und Insektenarten. Auch Wasser liebende Pflanzenarten wurden durch Wiesenpflanzen verdrängt, die mit weniger Feuchtigkeit auskommen konnten.

Hinzu kommt, dass das trocken gelegte Bewässerungssystem mit Sträuchern und Büschen überwuchert wird. Nicht selten wurden auch behauene Steine, die einst für ein Stauwehr dienten, herausgerissen und zweckentfremdet.

Durch den Beschluss des Ausbaus der Kreisstraße zwischen Aidlingen und Grafenau droht zusätzlich einer der Bewässerungs-gräben durch die Straßenbaumaßnahmen für immer zu verschwinden.

Der Heimatgeschichtsverein Aidlingen e.V. nimmt dieses zum Anlass, die Wassergräben entlang der Würm, aber auch im Irmtal und im Aischbachtal zu protokollieren, zu verkarten und mit Ausstellungen auf die historische kulturelle Bedeutung der Bewässerungsgräben für unsere Dörfer aufmerksam zu machen.

Ursprung der Bewässerungsgräben:

Durch das Bestreben, immer mehr Land für den Getreideanbau zu kultivieren, wurden die Viehweiden im Laufe des Mittelalters knapper. Man benötigte diese als Ackerfläche. Die Umwandlung von Weiden in ertragreichere Wiesen versprach einen gewissen Ausgleich. Aber der hohe Arbeitsaufwand durch Einsaat, Zaunbau als Schutz vor dem Vieh und dem Wild und der Abhängigkeit von Regen, hatten doch zur Folge, dass der Anteil der Wiesen in der Dorfgemarkung das ganze Mittelalter hindurch gering blieb.

Durch den damals üblichen Viehtrieb im Frühjahr und Herbst, sei es durch Schafe, Ziegen, Rinder, Pferde oder auch Schweine, konnten die Wiesen lediglich nur einmal für eine Heuernte abgemäht werden, so dass der Heuertrag wesentlich geringer ausfiel. Erst durch den Verzicht der Frühjahrsweide, wurde ein zweiter Schnitt im Spätsommer ermöglicht.

Auf Dauer fehlte aber somit der natürliche Dünger der Wiesen durch die Tiere. Der gering anfallende Mist in den Stallungen der Dörfern, wurde zur Düngung der Ackerfelder dingender benötigt, was wiederum eine manuelle Düngung der Wiesen durch Viehdung nicht möglich machte. Auch eine aufkommende Stallviehhaltung brachte keine wirkliche Abhilfe, denn das Vieh in den Ställen benötigte ebenso Wiesengras als Futter.

Wirklich Abhilfe versprach eine regelmäßige Zufuhr mit Abwässern und Sedimenten angereicherten Bachwassers. Bereits schon im späten Mittelalter erkannten die Bewohner unserer Dörfer diesen Vorteil und begannen ein ausgeklügeltes Anstauen des Baches und Ableiten in Bewässerungsgräben zu erschaffen.

Durch den starken Bevölkerungsrückgang im 30jährigen Krieg und den daraus resultierenden geringeren Nutzungsumfang der Wiesen, war eine solche Bewässerung eine lange Zeit nicht mehr nötig. Als jedoch die Bevölkerungszahlen wieder stiegen und daraus auch die stärkere Nutzung von Nöten war, erlebten die Wassergräben eine Renaissance.

Durch den neuen Berufszweig des „Grabenmachers“ wurde dieses ebenfalls deutlich. 1775 werden Martin Burckert und Gottfried Wagner als Grabenmacher in Aidlingen genannt. Nicht selten war die Wartung der Bewässerungsgräben Aufgabe des örtlichen Feldschützen. Mancherorts wurden Arbeiten an den Wassergräben durch die Gemeinden auch an Taglöhner zeitweise vergeben.

Wassergräben und Bäche im täglichen Leben

Wasser spielte im Leben eines mittelalterlichen Dorfes bis in die Neuzeit eine herausragende Rolle. Nicht nur zu Waschzwecken und Tränkung des Viehs, sondern auch zur Nutzung der Wasserkraft waren sie überaus wichtig.

Allein auf der heutigen Gemarkung Aidlingen wurden mit Wasserkraft 8 Mühlen angetrieben (In Aidlingen 5 Mühlen, in Deufringen 2 Mühlen und ein Sägewerk und in Dachtel 1 Mühle). Da es bis in die Neuzeit keine Kanalisation und Kläranlagen gab, wurden Bäche und Flüsse auch zur Entsorgung der Kloake benutzt. Nicht selten war der Abort (Toiletten) an den Wohnhäusern auf der Seite des Baches angebracht um die menschlichen Ausscheidungen bequem über den Bach zu entsorgt.

Auch in unseren Orten war dieses der Fall. So wurde von vielen Einwohnern die einfache „Bachwasserspülung“ in ihren Toiletten-häuschen benutzt. Die regelmäßige Entleerung der Sicker- und Abortgruben war somit für sie hinfällig. Eine solche Entsorgung der Fäkalien brachten jedoch auch Schwierigkeiten mit sich. Vorallem die nachfolgenden Orte, waren betroffen von dem verunreinigtem Bach-wasser.

In Zeiten wo viel Wasser gebraucht wurde und das Brunnen- und Quellwasser nicht mehr ausreichte, wie z.Bsp. in der Erntezeit und beim Auswaschen von großen Holzfässern, mußte das „Bachscheißen“ für eine bestimmte Zeit untersagt werden. Diese Tatsache verschaffte den Aidlingern als „Aidlenger Bachscheißer“ einer ihrer Necknamen.

Das mit Abwässern angereicherte Bachwasser hatte aber auch seine positiven Seiten, wenn es über künstlich angelegte Wassergräben, angestaut und kontrolliert, auf den Wiesen als flüssigen Dünger ausgebracht werden konnte. In Aidlingen wurde dieses im Würmtal über lange Strecken hinweg betrieben.

Auch im Gechinger Tal auf Deufringer Gemarkung wurde solch eine Bewässerung genutzt.

Die Wiesenbewässerung brachte aber auch Nachteile, denn durch die Abnahme und Ausleitung des Bachwassers wurde den nachfolgenden Mühlen buchstäblich „das Wasser abgegraben“. Das brachte oft Probleme und Streit mit sich.

Verschiedene Arten und Techniken der Wiesenbewässerung:

Das Aufschwemmen:

Eine Variante der Trübwässerung (mit Sedimenten) war das sogenannte „Aufschwemmen“. Diese Technik wurde entwickelt, um mittels Wasserkraft Planierungen und Auffüllungen von Geländesenken zu erreichen. Voraussetzung war ein ausreichendes Gefälle, damit das Wasser genügend Ströhmung erreichte. Man grub vom zuführenden Bach aus einen Seiten-kanal zu der aufzuschwemmenden Fläche, der dann durch Aufstau des Baches geflutet wurde. Wenn man nun auf der Talseite des Seiten-kanals ständig die Erde auflockerte, so wurde dieses und eventuell zusätzlich hineinge-worfenes Erdreich vom Wasser mitgerissen und in die tieferliegenden, aufzufüllenden Bereichen geschwemmt. Hierzu bedurfte es einer gezielten Regulierung und Böschungs-sicherung. Das Schwemmen war eine echte Arbeitserleichterung, denn man sparte sich viele Tage Arbeit durch herankarren von Erdreich.

Rückenbau:

Durch anlegen von künstlichen Geländerücken (künstlich deshalb weil in der Natur kaum vorkommen) konnte das Wasser so eingeleitet werden, dass dieses gleichmäßig über die Rücken hinwegfließen konnte. Eine tieferliegende „Entwässerungsrinne“ leitete das überschüssige Wasser wieder ab.

Hangbau:

In Gegenden mit abfallenden Geländeprofil war es möglich, einen Wassergraben am Hang entlangzuführen, aus dem man durch den gegebenen Höhenunterschied die angrenzenden Flächen wässern konnte. Stand ein größeres Hangprofil zur Verfügung, konnte man den Vorgang in mehreren aufeinander folgenden Terrassen wiederholen.

Ein wesentliches Problem dieser Technik ist die Schaffung einer gleichmäßigen Überrieselung der Hangflächen mit dem Wasser. Daher erfordert der Hangbau eine sehr gute Geländemessung und regelmäßige Unterhaltungsarbeiten.

Diese Form der Bewässerung wurde für die Wiesen des Würmtals und des Gechinger Tals angewendet.

Bewässerung des Würmtals

Zwei Wassergräben im Würmtal, jeweils mit der roten Linie gekennzeichnet

Die Wiesen des Würmtals wurden mit der Form der Hangbaubewässerung versorgt. Hierzu wurden zwei Wassergräben rechts und links der Würm angelegt. Die Gräben wurden so angelegt, dass sie ein ganz leichtes Gefälle haben. Durch dieses Gefälle konnte das Wasser außerhalb des Altbaches talabwärts noch fließen.

Die Gräben sind durchschnittlich 50-150 m vom Altbach entfernt. Die Wassereinstauung des rechten Grabens (auf Seite der Kirsch- undWürmhalde) erfolgte im Ehninger Tal etwa 800 m oberhalb der Wegeinmündung nach Ehningen und hat eine Gesamtlänge von fast 5 km.

Der linke Graben (auf Seite der Staße nach Grafenau) begann mit der Wasseinstauung kurz vor der Furtmühle. Er hat eine Gesamtlänge von etwa 3 km und endet vor dem Würmtalhof (früher war der Graben jedoch noch länger). Die Wassergräben enthielten in regelmäßigen Abständen Stauwehre, an denen das Wasser aufgestaut werden konnte. Durch das Schließen der Wehre mit dem sogenannten „Schütz“ konnte das aufgestaute Wasser dann seitlich in die Wiesen abgeleitet und die jeweilige Wiesenparzellen bewässert. Nach beenden der Wässerung wurde das Wehr wieder geöffnet. Das nächste Wehr Tal abwärts wurde geschlossen und der nächste Wiesenbereich konnte geflutet werden.

So konnte Stück für Stück die Würmtalwiesen zu beiden Seiten der Würm mit „Riesel“-Wasser versorgt werden. Nicht selten werden diese Wiesen deshalb auch als „Rieselwiesen“ bezeichnet.

Quellen:
– Wässerwiesen – Geschichte, Technik und Ökologie der bewässerten Wiesen, Bäche und Gräben in Kraichgau, Hardt und Bruhrain
– Chronik von Aidlingen
Text: Andreas Wolf
Bilder: Frau Ruoff