Der Stern leuchtet allen – Sieger und Besiegte unterm Christbaum

Der Weihnachtsstern mit seiner Botschaft leuchtet nicht nur an Weihnachten, sondern zu jeder Zeit und in jedes neue Jahr hinein. Und – die Könige aus dem Morgenland und die einfachen Hirten auf dem Feld symbolisieren es – die Botschaft gilt für alle Menschen gleichermaßen, für die Mächtigen wie die Schwachen, für die Reichen und genauso die Armen, für die Menschen jeglicher Herkunft und Hautfarbe, für die Starken wie die Unterlegenen.

Der Stern kann auch Sieger und Besiegte vereinen. Das erlebte Heinrich Stürner aus Deufringen, 1923 in Aidlingen geboren, nachdem er 1945 als Soldat in Italien in amerikanische bzw. britische Gefangenschaft geraten war. Er und seine deutschen Mitgefangenen waren in Verona in einer ehemaligen Tabakfabrik untergebracht und praktisch alle als Automechaniker im Einsatz.

„Wir haben alle in dem Fabrikgebäude geschlafen, in der Garage nebenan arbeiteten wir. Es wurden alte Autos repariert, die von der deutschen Wehrmacht stammten und vom Krieg liegen geblieben waren. Die Engländer sagten, die reparierten Autos würden nach Deutschland zurückgebracht, damit dort der Verkehr wieder zum Laufen käme. Wir merkten aber, dass die Engländer die Autos in Italien für sich verschepperten.

Wir mussten regelmäßig nach Bozen in Tirol fahren, um vom dortigen Heereslager Ersatzteile für die deutschen Autos zu holen. Als Weihnachten 1945 nahte, besorgten wir auf einer dieser Fahrten eine hohe Tanne und stellten sie in Verona im Lager als Weihnachtsbaum auf. Alle beteiligten sich, stellten Kerzen her und organisierten und fabrizierten dafür Ständerle. Ein Festtisch wurde hergerichtet; der Kamerad aus der Schreinerei hat vorhandene kleinere Tische auf gleiche Höhe gebracht, so dass sie in der Mitte des Fabrikraums aneinandergestellt werden konnten. Am Hl. Abend saßen wir alle einerseits wehmütig, aber doch auch froh gestimmt beieinander. Die Gemeinschaft und Kameradschaft hat uns Soldaten und Gefangenen großen Halt gegeben. Die britischen Wachsoldaten saßen etwas abseits. Da haben wir sie einfach zu uns hergeholt. Sie kamen mit, manche sahen das erste Mal in ihrem Leben einen Weihnachtsbaum. Sie feierten mit uns, saßen mit uns um den Tisch auf den Bettkanten und gemeinsam sangen wir ‚Stille Nacht, heilige Nacht’ und andere Weihnachtslieder.“

Diese Begebenheit unterm Weihnachtsbaum im Gefangenenlager ist unscheinbar und doch etwas Besonderes. Sieger und Besiegte finden sich zusammen, der Besiegte ist es sogar, der mit der Weihnachtsbotschaft im Herzen den Brückenschlag wagt, und der Sieger weist die Hand des Besiegten nicht zurück. So könnte diese Weihnachtsgeschichte, der Brückenschlag zwischen alten Feinden, auch heute noch ein Wegweiser sein für alle, die durch Krieg oder sonstige Konflikte entzweit sind.

 

von Siegrid Krülle