Aidlingens vergessene Schätze

Ab dem 24. März 2021 bringen wir eine 12 teilige Serie im Aidlinger Nachrichtenblatt, welche an die verborgenen und vergessenen Schätze der Gemeinde Aidlingen erinnert. Manche von ihnen sind uns durchaus bekannt und begegnen uns im Alltag, aber ihre Geschichte die sie uns erzählen, vielleicht nicht. Sie sind auch nicht immer einzigartig oder gar wertvoll, dennoch prägen sie die Gemeinde Aidlingen und ihr historisches Gedächtnis. Sie sind von stiller Bedeutung und verdienen es, von uns mehr geschätzt und wahrgenommen zu werden.

Teil 1 (24.März 2021)

Zwischen Obere Straße und Sonnenbergstraße sowie dem Seilergässle und dem Wagnergässle liegt versteckt hinter großen Neubauten auf einer Länge von ca 80 Metern die überdachte Seilerbahn der Seilereifamilie Gampper. Über 120 Jahre und 4 Generationen hinweg, wurden hier Hanfseile der Familie Gampper hergestellt. Den Anfang machte der Urgroßvater von Alfred Gampper (1919-1992), Johann Georg Gampper (1841-1920), der das Seilerhandwerk erlernte und schließlich mit dem Bau der Seilerbahn den Grundstein für weitere Generationen legte. Auf ihn folgte sein Sohn Karl Christian Gampper (1866-1816) und schließlich der Vater des letzten Seilermeisters, Karl Gampper (1887-1955) der den Beruf an seinen Sohn weiter gab.1964 konnte der Betrieb sein 100 jähriges Jubiläum feiern. Mit dem Tod des letzten Seilermeisters, wurde der Betrieb jedoch eingestellt. Übrig blieb noch die Seilerbahn, auch Reeperbahn genannt.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Aidlinger-Seilerei-1024x774.jpg

Im Denkmalbuch des Böblinger Landratsamtes aus den 1980igern Jahren steht folgendes:

„Die 1864 eingerichtete Seilerbahn zieht sich als schmale Holzlaube über Massiv-Sockel oberhalb von vier Parzellen der Oberen Straße hin. Die Anlage zur Herstellung von Seilen und Tauen aus Hanf ist noch betriebsfähig und fertigt die gewünschte Gebrauchsware noch auf Bestellung an. Diese nun mehr selten zu beobachtende Fertigungsweise veranschaulicht einen Teil Handwerksgeschichte im späten 19. Jahrhundert. Die Seltenheit und Intaktheit des Betriebes sind ausschlaggebend für das öffentliche Interesse an seiner Erhaltung aus heimatgeschichtlichen Gründen.“

Das Aidlinger Museum Hopfenhaus hat zwischenzeitlich viele Werkzeuge und Maschinen von der Familie Gampper erhalten und zeigt heute in verschiedenen Vorführungen den Besuchern, wie einst Seile und Taue in Aidlingen hergestellt wurden.

Die Seilerbahn selbst steht nun als stiller Zeuge eines einst wichtigen Handwerkberufes noch da. In Baden-Württemberg und sogar in Deutschland gibt es sie noch seltenst so gut erhalten zu sehen, wie hier in Aidlingen. Versteckt hinter Häuserzeilen ist es allemal Wert, die Seilerbahn wieder in den Fokus der Öffentlichkeit und in das Bewustsein der Bevölkerung, als einen historischen Schatz für die Geimeinde Aidlingen, zu rücken.

Teil 2 (31. März 2021)

Heute solle es um einen Schatz gehen, der vielleicht nicht gerade wertvoll ist, aber dennoch ein wahrer versteckter Zeitzeuge der Geschichte ist. Er versteckt sich in der Deufringer St.Veit Kirche. Selbst treue Kirchgänger und Liebhaber der Deufringer Kirche, wissen nicht um seine Existenz. Der Schatz versteckt sich im Treppenaufgang des Kirchturmes zum Glockenstuhl. Er ist nur erkennbar, wenn man sich auf die unterste Stufe der Holztreppe, welche an der Decke des Kreuzgewölbes des Chors endet, stellt und nach oben blickt. Dort als Treppenabsatz verbaut und mit dem Schild nach unten zeigend, verbirgt sich ein altes hölzernes Ziffernblatt. Ca. 1,50 m lang und 1,50 m breit mit schwarzen römischen Zahlen eingefasst in zwei schwarzen Kreisen. Der innere Kreis wird durch eine stilistische Sonne auf rotem Hintergrund ausgefüllt. Das Niveau der schwarzen Zahlen ist höher als der rest der Holztafel und lässt sie so plastischer wirken. Ein Loch im Mittelpunkt war für den Austritt des Metallstabs, der wiederum den Uhrzeiger in Gang setzte. Das Alter des hölzernen Kirchturm-Ziffernblattes ist leider nicht bekannt. Ist es mit der Anschaffung einer neuer Kirchturmuhr im Jahr 1785 ausgetauscht worden? Oder ist es bereits schon 1725, als der oberste Fachwerkstock des Turmes durch ein festes Mauerwerk ersetzt wurde, abgemacht worden?

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist HGVAidlingenBilderInternet-067-1024x768.jpg

Das Bildnis der Deufringer Kirche auf der Kieser’schen Forstkarte von 1688 zeigt bereits schon deutlich ein viereckiges Ziffernblatt. Das verbaute hölzerne Ziffernblatt mag kunsthistorisch kein großer Schatz sein, zeugt aber dennoch vom nachhaltigen Denken und Handeln einstiger Generationen. Nichts wurde einfach so weggeworfen! Selbst gebrauchtes Holz wurde wiederverwertet und kurzerhand zu einem Treppenabsatz umfunktioniert. Diesem Umstand verwandanken wir es, dass wir heute noch einen verborgenen und vergessenen Schatz entdecken und bewundern dürfen. Im Falle des alten Ziffernblattes in der Deufringer Kirche, würden wir uns als Heimatgeschichtsverein einen Ausbau und eine Restaurierung desselbigen erhoffen und wünschen. Was meinen Sie?

Die Gemeinde Aidlingen ist wohl eine der wenigen Gemeinden im Kreis Böblingen, die gleich mit zwei Heimtmuseen aufwarten kann. Während das Museum Hopfenhaus in Aidlingen hauptsächlich bäuerliche Gerätschaften ausstellt und die ostdeutsche Heimatstube der Vertriebenen beheimatet, enthält das Dachteler Heimtmuseum (unterhalten und betrieben durch den Schwarzwaldverein Dachtel) eine große Bandbreite von Alltagsgegenständen des dörflichen Lebens um die letzte Jahrhundertwende. Von landwirtschaftlichen Geräten, einer kompletten Wohnungseinrichtung, Handwerkergerätschaften, Feuerwehrgerätschaften bis hin zu einem Schulklassenzimmer und einer Amtsstube des Bürgermeisters. Eigentlich stellen die beiden Museen bereits schon einen großen historischen Schatz für die Gemeinde Aidlingen dar. Auf einen vergessenen Schatz ganz besonderer Art, möchten wir jedoch heute aufmerksam machen.

Teil 3 (7. April 2021)

Im Dachteler Heimatmuseum hängt im Bürgermeisterzimmer hinter einer Glasvitrine eine sogenannte Feuerfahne. Sie ist ca. 78 cm auf 58 cm groß und mit Ölfarbe auf Leinwand bemalt. Die eine Seite zeigt das herzogliche württembergische Wappen und die Initialen E.L.H.Z.W. (Eberhard Ludwig Herzog zu Württemberg). Auf der anderen Seite zeigt in einem blauen Oval ein großes D. Das Oval ist umrahmt mit zwei Lorbeerzweigen. Darüber steht die Inschrift 17Dachtel76. Die Fahne ist wohl in diesem Jahr entstanden. Sie war wahrscheinlich ein Vorläufer der späteren Feuerwehrfahnen und sollte bei einem Löscheinsatz in einem fremden Ort die Dachteler Rotte anzeigen und repräsentieren. Sie wurde auch bei anderen feierlichen Anlässen als „Gemeinde“-Fahne benutzt. Im Gegensatz zu unseren sind die noch vorhandenen Feuerfahnen in Württemberg bestickte Stofffahnen. Die eigentliche Rarität an der Feuerfahne ist jedoch die dazu gehörige Schutzhülle. Die Pappröhre ist mit Leinen überzogen und ebenfalls mit einem schönen Schriftzug versehen. Darauf zu lesen ist: Anno 1793 als Herr Johannes Weiß Schultheiß, und Hr. Jacob Braitling, Beck, Bürgermeister waren, ist diese Fahne gemacht worden durch J.G. Stügelmayer in Haslach.

Die Fahne und die dazugehörige Schutzhülle ist angesichts der Seltenheit in Baden-Württemberg ein wenig beachteter historischer Schatz, den das Museum hier in Dachtel beherbergt. Deshalb unser Tipp: besuchen Sie doch einmal das Dachteler Heimatmuseum. Es lohnt sich.